Heimkehr



 

Die Sonne stand schon tief und sandte letzte goldene Strahlen über das hügelige Land. Dunstige Schleier füllten die Schatten und überzogen dunkelgrünes Laub mit silbrigen Hauch. Der nahende Herbst lag sprungbereit in den Niederungen über Bäche und Seen.
Sie fror entsetzlich. Die frostige Kühle der beginnenden Nacht war unter ihre Kleidung gekrochen und lähmte den ohnehin schleppenden Gang der müden Beine, als sie die ersten Häuser der kleinen Ansiedlung sah. Wie zufällig in die Landschaft geworfen, keinem System, keinen Plan folgend, einer Wagenburg nicht unähnlich. Fachwerk, auch Strohdächer und da und dort Schieferschindeln, Zeugen eines bescheidenen Wohlstandes.

Der purpurne Glanz des Himmels war verflogen und wich dem graublau der späten Stunde, in den kleinen Stuben entflammten die Lichter der Kerzen und Öllampen. Die Dorfstraße war kurz und breit, fast ein Oval, und wäre in ihrer Mitte ein Brunnen gewesen hätte man sie wohl Marktplatz nennen können. So war es nur die Dorfstraße, eingefaßt von knapp zwei Dutzend geduckten Häusern. Vom See am Rande des Dorfes schnatterten eine handvoll Enten dem Abend entgegen.
Die Tür des Gasthauses "Green Dragons Einkehr" öffnete sich bereitwillig, als ihre Hand die grob geschmiedete Klinke herunterdrückte. Der milde Schein einiger Kerzen und das Flackern des Kaminfeuers empfing sie, wohlige Wärme streifte ihr Gesicht und ließ sie nähertreten.
Der Raum war klein, wie alle Räume in diesen Häusern klein waren, nur einige Tische, Stühle und Bänke aus dem knorrigen Eichenholz naher Wälder, und doch von einer anheimelnden Gemütlichkeit, wie sie nur solchen Räumen innewohnt.
Neben einem Tisch ließ sie ihr kleines Bündel fallen und sank ermattet auf die Bank. Bleierne Schwere bemächtigte sich ihres Körpers und riß sie hinab in die Tiefen des Schlafes.
Der Wirt hatte seine liebe Mühe mit ihr bevor sie die Lider öffnete und eine Antwort auf seine Frage zu ihrem Begehren gab. Etwas zu essen sollte es sein, auch zu trinken und eine Schlafstatt zur Nacht.
Die heiße Suppe in der irdenen Schüssel war einfach, doch schmackhaft durch viel Gemüse und Kräuter, und ein paar Fettaugen zeugten von der Anwesenheit einer fleischlichen Einlage.
Die Wärme der Speise tat ihre Wirkung, die Lider senkten sich und der Rote aus der Flasche tat das Seine dazu.
Nur mit Hilfe des Wirtes erklomm sie die knarrende Stiege ins Dachgeschoß, fiel ins trockene Stroh und war augenblicklich abgetaucht in ein schwarzes Nichts.

Der Wirt hatte ihre kupfernen Eurotaler akzeptiert, einen für ihn günstigen Umrechnungskurs ersonnen - üblicherweise zahlte man hier in Franken - und dankbar die Option für eine weitere Nacht entgegengenommen. So war es schon später Vormittag, als sie aus der schummrigen Gaststube in das sonnenhelle Licht des Spätsommertages trat. Sie fühlte sich noch etwas matt, doch die Neugierde auf das Dorf und seine Umgebung gaben ihr die nötige Kraft und geraume Zeit später erreichte sie einen nahegelegenen Hügel, von dessen baumbestandener Kuppe aus sie sich einen Überblick versprach.
Der Fußweg hügelan war beschwerlicher als er aus der Ferne schien, und so war sie auch aufgrund ihrer allgemeinen Schwäche redlich geschafft, als sie endlich mühsam die Hügelkuppe erreichte. Sie fand sich wieder in einer Gruppe von einem halben Dutzend Bäumen stattlichen Alters, welche die Kuppe wie eine Mütze krönten.
Sie standen nicht sehr dicht, konnten sich dadurch gut im Wuchs entfalten und bildeten ansehnliche Einzelobjekte. Ein Baum stach allerdings hervor aus der kleinen Gruppe der Belaubten. Er stand mittig auf dem Hügel, überragte alle anderen um einiges.
Ihr Blick glitt herab von der Krone dieser dominanten Erscheinung, durch das verworrene Geäst bis zum Fuße des Stammes. Was zuerst wie eine Ansammlung von trockenem Laub und Altholz aussah, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als eine den Stamm umlaufende, aus grobem Holz gezimmerte Bank.
Mit Hilfe eines trockenen Zweiges, von denen etliche den Boden bedeckten, befreite sie die graubraun verwitterte Sitzgelegenheit von dürren Blättern, Wildkräutern und allerlei anderen Zeugnissen regen Pflanzenwuchses. Die Rundbank machte trotz ihres offensichtlich beachtlichen Alters einen recht stabilen Eindruck, die oder der Erbauer beherrschten das Handwerk.
Sie freute sich auf die Möglichkeit der sitzenden Rast, umschritt den Stamm auf der Suche nach dem schönsten Ausblick und entdeckte dabei eine Art Schild am Stamm. Zwei eiserne Reifen hielten es, sie waren größtenteils eingewachsen und bekundeten das hohe Alter des Baumes. Spinnweben, darin verfangenes Laub und die im leichten Wind raschelnden Reste verdorrten wilden Hopfens verdeckten die Vorderseite eines wappenförmigen Etwas, abblätternde Reste grüner und brauner Farbe entzifferte sie als Schriftzeichen ihr unbekannten Stils, die Sprache jedoch verstand sie.
"Gepflanzt von Bruder Tac, Mönch im Kloster Tar`A... zu Cammuor..." war da zu lesen, und "zur Erinnerung an das Jahr der Befreiung..."
Und, noch deutlich erkennbar "Freiheit für Franken".
Teile des Textes waren unwiederbringlich durch den Zahn der Zeit vernichtet. Mit der Ortsangabe konnte sie nichts anfangen, weder war ihr ein Kloster noch ein Land angegebenen Namens bekannt, ebenso steckte das "Jahr der Befreiung" voller Rätsel.
Sie setzte sich. Ihr Blick schweifte über sanfte Hügel und gepflegte Äcker, grüne Wiesen und silbrigschimmernde Seen, zu einem dunklen Wald am fernen Horizont, über das Dorf mit den von hier aus gesehen winzigen Häusern und verlor sich in den diffusen Formen weißer Wölkchen vor einem blaßblauen Himmel. Ein milder Hauch eines schwachen Spätsommerwindes strich durch ihr braunes, von feinen silbern schimmernden Fäden durchzogenes Haar, kitzelte im Nacken und provozierte unbewußte Reaktionen einer verscheuchenden Hand.
Wie die Konturen in der Ferne verschwammen ihre Gedanken und machten Platz für eine aufkeimende Erinnerung. Ihr Blick verharrte starr am dunklen Wald, die lidschlaglosen Augen brannten und fingen an zu tränen. Je verschwommener das reale Bild wurde, desto klarer formten sich die vergangenen Bilder. Wenige Atemzüge später war sie versunken in den Tiefen einer bewegten Vergangenheit.


II


Sie war ein fröhliches Kind, wie alle Kinder im Dorf fröhlich waren. Die Widrigkeiten des Lebens blieben weit draußen vor den Toren des Landes, keine Seuche, kein Unbill suchte die Bewohner heim, ruhig und glücklich verlief der Tag aller Menschen.
Sie ging gern in die Schule, deren Unterricht geprägt war von den praktischen Belangen der Bevölkerung, kein Ballast an nie mehr verwendeten Inhalten sondern Lehrstoff fürs Leben wurden vermittelt.
Früh zeigte sich, daß sie anders war als ihre Mitschüler. Kaum konnte sie schreiben gerieten ihr manche freien Texte zur Verwunderung ihrer Lehrerin in Versform. Ihre Zeichnungen hatten klarere Formen, eine größere Farbigkeit und zeigten differenziert Einzelheiten. Auch beschränkten sie sich nicht auf Themen des unmittelbaren Dorflebens, vielmehr waren sie Ausdruck einer ausgeprägten Phantasie. Sie zeichnete zwar auch Katzen und Eichhörnchen, Blumen, Vögel und Dorfansichten, ihr Lieblingsthema aber waren Drachen, bunte, liebenswerte Kreaturen, trotz riesiger spitzer Zähne und langer Hörner.
Sie war keine Aussenseiterin. Ihre Fröhlichkeit, Hilfsbereitschaft und ein hohes Maß an sozialem Verhalten machte sie bei allen beliebt. Auf die von allen Kindern in allen Welten gestellte Frage "Was wollen wir spielen" hatte sie immer eine passende Antwort zur Hand, abwechslungsreich und immer ungewöhnlich.
Als sie etwa zehn Jahre alt war, hatte ihr Maltalent sich so stark ausgeprägt, daß die Lehrerin beschloß, in der entfernten Kreisstadt die zuständige Obere Behörde davon in Kenntnis zu setzen, damit dieses Talent gefördert würde und nicht verkümmere. So verließ die Nachricht von diesem ungewöhnlichen Mädchen das Dorf und gelangte durch Kuriere an die übergeordneten Stellen.
Bald darauf erschien ein Abgesandter der Oberen Behörde, ließ sich das Mädchen zeigen, betrachtete ihre Werke und reiste wieder ab. Eine Zeichnung von ihr nahm er mit, ein Selbstportrait, hübsch anzusehen mit dem langen braunen Haar und den dunklen Augen.
Lange Zeit geschah nichts, und die Lehrerin glaubte an ein Desinteresse der Oberen Behörde an diesem Talent. Nun, ein Versuch war es Wert gewesen.

Es war die Zeit, in der König Leo das Land beherrschte. König Leo war ein mächtiger Herrscher, er kontrollierte seine Untertanen, indem er das gesamte Nachrichtenwesen unter seine Kontrolle gebracht hatte. Alles, was an gesprochenem oder geschriebenem Wort über wen oder was auch immer verbreitet wurde, beeinflußten er und seine Handlanger. Kein Bild erreichte unzensiert seinen Empfänger, König Leo bestimmte die Meinung seines Volkes.
Auch ihr Bild gelangte in seine Hände, wurde lange mit wachsender Aufmerksamkeit betrachtet und Experten vorgelegt. Kurz darauf fiel ein einstimmiger Beschluß.

Die Sonne schien hell von einem tiefblauen Himmel als sie kamen. Es war Sonntag, die Kinder spielten in den Wiesen am Dorfrand und am Ufer des Sees.
Die Kutsche war schwarz, die vier Pferde waren schwarz und auch der Kutscher und die sechs Männer, die der Kutsche entstiegen, waren schwarz gekleidet. Wer sie durchs Dorf kommen sah, schlug drei Kreuze und floh in die tiefsten Winkel seiner Heimstatt.
Jeder der Männer hielt eine Zeichnung in der Hand. Sie verteilten sich rasch in Richtung der spielenden Kinder und sahen abwechselnd auf ihre Zeichnung und zu den Kindern hinüber.
Als man sie entdeckte, war es zu spät für eine Flucht. Sie wurde gegriffen und brutal in einen Jutesack gestopft. Eine riesige Hand erstickte ihre schrillen Schreie, mit kratzigen Seilen wurde ihr Zappeln unterbunden. Die Aussichtslosigkeit ihrer Lage ließ sie in Angst erstarren, und so nahm sie nicht wahr, wie sie in die Kutsche geworfen wurde und diese mit hohem Tempo das Dorf verließ.


III


Von der mehrere Wochen dauernden Seereise auf dem hölzernen Segelschiff bekam sie nicht viel mit. Unbeschreibliche Angst lähmte ihren Körper, die beständige Seekrankheit erstickte ihren Willen. Sie wollte nur noch sterben.
Nach unendlich langer Zeit vernahm sie eine zunehmende Unruhe im Schiff und es ertönten Rufe, die nach "Land in Sicht" klangen. Stunden später war jede Bewegung aus dem Schiff gewichen.
Die Wolken drohten graublau mit einem gelben Hauch vom Himmel, die Luft war schwül und roch nach Gewitter, als man sie über eine schwankende Planke vom Schiff an Land brachte. Zwei kräftige schwarze Gestalten trugen ihren ausgemergelten Körper zu einem Pferdekarren und übergaben sie an etwas weniger finster aussehende Gestalten.
Die den ganzen Tag dauernde Fahrt über ausgefahrene Wege war äußerst unangenehm in dem ungefederten Karren, und so waren auch der Fuhrknecht und seine Begleiter heilfroh, als sie das große Tor vor der langgezogenen Barackenanlage erreichten.
Am Tor wurden sie aufgehalten, die Wächter und der Fuhrknecht unterhielten sich in einer Sprache, die sie nicht verstand, und es wurden Papiere übergeben. Das Tor wurde geöffnet und sie fuhren auf einem staubigen Weg vor eine der verwitterten Baracken.
Ein großes buntes Schild hing über der Eingangstür der Baracke, darauf war in mehreren Sprachen, auch in einer, die sie verstand, zu lesen:
"Willkommen in meinem Reich. Hier ist die Heimat von Mäusen und Enten. Willkommen bei Walter D´Iney."
Walter D´Iney war der Unterhaltungsmagier in diesem fremden Land. Bunte Bilder waren sein Leben, Bilder, die alberne Geschichten erzählten von sprechenden Mäusen und Enten und allerlei anderem merkwürdigen Getier. Er überschwemmte das Land mit seiner Botschaft von der Glückseligkeit beim Betrachten seiner bunten Bilder und gaukelte besonders der unbedarften Jugend eine heile Welt vor, die es so in diesem Lande nicht gab. Geschickt getarnte Inhalte lenkten die Meinung der Käufer in die von ihm gewollte Richtung und so unterschied sich Walter D´Iney nur durch seine Methode von König Leo auf der anderen Seite des großen Wassers.
Bei der Übereinstimmung der Interessen beider Herrscher war es nicht weiter verwunderlich, daß sie regen Kontakt miteinander pflegten und sich gegenseitig in allen Belangen ihrer Machtausweitung halfen.
Der ständig wachsende Bedarf an diesen Bildern konnte nur dadurch befriedigt werden, indem eine immer größer werdende Zahl von Zeichnern unablässig Pinsel und Stift bemühten. Da aber der Nachschub an Künstlern aus dem eigenen Land zu stocken begann und die Suche nach neuen Talenten immer schwieriger sich gestaltete, verfielen die Mächtigen beider Länder auf die perverse Idee, durch Entführung geeigneter Kinder für Nachschub zu sorgen. Und so wurde auch sie durch die gut gemeinte aber verhängnisvolle Nachricht ihrer Lehrerin in den Strudel skrupelloser Machenschaften gerissen.

Die erste Zeit gestaltete sich für sie sehr schwer. Sie wurde an einen Tisch gesetzt und bekam Papier und Stifte, aber geplagt von einer Mischung aus Heimweh, Angst und Trauer war sie nicht in der Lage, etwas zu Papier zu bringen. Die Aufseher zeigten sehr viel Geduld mit ihr und eines Tages begann sie, um Vergangenes zu verdrängen, mit dem Zeichnen.
Sie lebte sich ein in die Gemeinschaft, lernte die fremde Sprache und nach und nach verblaßte die Erinnerung an ihr Dorf und die Familie. Die wachsende Freude an der Malerei ließ sie trotz ihrer Jugend aufsteigen zur Entwurf- und Vorzeichnerin und beschied ihr Ansehen. Nach einer handvoll Jahren war die Vergangenheit in ihrem Kopf erloschen.

Ein gutes Vierteljahrhundert waren vergangen, der Herrscher über die bunten Bilder hieß nun Walter D´Iney II. Ihre Hand war zitterig geworden von der unablässigen Anstrengung und die Augen müde, als man ihr mitteilte, daß man nun ihre Dienste nicht mehr gebrauchen könne und sie frei sei und hingehen möge, wohin sie wolle. Diesen Tag hatte sie schon lange erwartet und nahm daher die Nachricht ohne Überraschung auf.
Wohin? Zurück über das große Wasser wollte sie, da kam sie her, das wußte sie noch. So fuhr man sie zum Hafen und brachte sie auf ein Schiff. Sie sah nicht mehr zurück bei der Abfahrt, nur der aufgehenden Sonne entgegen.


IV


Sie öffnete die Augen. Wie zarte Schleier zogen weiße Nebelstreifen durch die Niederungen zwischen den Hügeln. Letzte Strahlen der versinkenden Sonne malten goldene Schäfchenwolken an den Himmel, die Venus sandte funkelnde Grüße über das friedliche Land. Es war wieder kalt geworden, diese vertraute graue Kälte, die so träge machte und so willenlos. Sie stand auf und verscheuchte mit schnellen Bewegungen die Steifheit ihrer Glieder. Die Freude auf die gemütliche Gaststube beflügelte ihren Schritt hügelab.
Auf dem Weg zum Dorf fiel ihr ein an einen Baum am Wegesrand angebundenes Pappschild auf. Ihr stockte der Atem und ihr Herz pochte in wilden Schlägen in ihrer Brust. Diese Schilder kannte sie, jahrelang hatten sie und andere Zeichner Illustrationen für solche Plakate gefertigt, nun begegnete ihr hier ihre jüngste Vergangenheit. "Besuchen Sie D´Iney´s Drachen-Park". Eilig strebte sie dem Gasthaus zu.
Dem Wirt war der Drachen-Park wohlbekannt und bereitwillig gab er Auskunft. Oh ja, ein Besuch lohne sich in jedem Falle, es gäbe viele exotische Tiere zu sehen und Gaukler und Artisten. Eine Besonderheit aber sei das Gehege mit den Drachen, allein diese seien eine weite Reise und das Eintrittsgeld wert. Auch sei der Park einfach zu finden und höchstens einen einstündigen Fußmarsch entfernt. Sie beschloß, den Park am anderen Tage zu besuchen.

Der Drachen-Park war in ihren Augen gewaltig groß. Er war gut besucht, vornehmlich von Familien mit Kindern, sodaß sie sich etwas unwohl fühlte so ohne Anhang. Schnell hatte sie mit Hilfe der zahlreich vorhandenen Informationstafeln ausfindig gemacht, wo das Drachengehege zu finden sei, denn diesen Tieren galt ihr ganzes Interesse. Zahlreich waren ihre Drachenbilder, gesehen hatte sie noch nie einen lebenden.
Die ausgestellten Drachen waren von der kleineren Art, die richtig großen ließen sich auch wegen ihrer Stärke nicht in Gehegen halten. Im Gehege befanden sich Bäume und Felsen, ein Bach und ein Teich. Starker Maschendraht verhinderte das Wegfliegen der Drachen und trennte sie von den Zuschauern. Das ganze erinnerte an eine riesige Voliere.
Das tatsächliche Aussehen der Drachen entsprach vollkommen denen in ihren Bildern und sie war sehr erstaunt darüber. Die Farbenpracht unterschied sich nicht von der in ihrer Phantasie. Ein Vertreter dieser geflügelten Fabelwesen, die doch so wirklich waren, erregte ihre besondere Aufmerksamkeit. Er war von einem metallisch leuchtenden Blau, saß auf einem kleinen Felsen und war wahrlich majestätisch anzusehen. Fasziniert betrachtete sie das Tier, welches mit stoischer Gelassenheit die Besucher und seine Artgenossen betrachtete.
"Gefällt dir das Tier?" Erschrocken fuhr sie herum. Da stand ein uralter Mann mit schlohweißem Haar und einem dichten hellgrauen Bart, bekleidet mit einer verblichenen Mönchskutte. Er stützte sich auf einen Stab aus gedrehtem Haselnußholz. Das Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, aber seine hellblauen Augen strahlten wie ein Sommerhimmel und standen im krassen Gegensatz zu seinem Alter. Sie starrte ihn an, unfähig zu antworten.
Der Alte trat an ihr vorbei an den Zaun und pfiff kaum wahrnehmbar durch fast geschlossene Lippen. Der Blaue auf seinem Felsen wandte den Kopf in seine Richtung, breitete die Flügel aus und glitt lautlos durch die Luft auf den Alten zu. Auf einem modernden Baumstumpf nahe am Zaun ließ er sich nieder, faltete die Flügel zusammen und nahm wieder seine majestätische Haltung ein.
Der Mönch wandte sich ihr zu und lächelte sie an. "Darf ich vorstellen? Das ist Kaaloth, und wer bist du?" Funkelnde Augen sahen tief in die ihren, die Gesichtszüge erhellten sich und die gebeugte Gestalt des alten Mannes richtete sich auf. "Sage nichts, ich kenne dich. Ich bin Bruder TaC und du warst unsere kleine Fee, unser Sonnenschein."

Da wußte sie es: Sie war heimgekehrt.


 

 



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