Der Weg nach Tar' Ant

Taulin wachte auf, als es schon hell war. Die Sonne kitzelte ihn auf der Nase und mit einem kräftigen "Hatschi" begann der Tag. Er streckte sich erst einmal in seiner  Kuhle, dass die Gelenke knacksten, blickte in den blauen Himmel, dorthin wo einige Wolken vor dem Blau hingen, als wären sie aus Watte. 
Ein kleiner Bach murmelte in der Nähe, wie geschaffen für einen kühlen Schluck. 

Taulin war keiner von der Sorte, die über ihr Schicksal lange nachdachten. Er nahm das Leben so wie es sich ihm bot. Die Nachtalben und die Gefahr in der er sich dadurch befand, war nur noch als dunkler Schatten in seinem Denken zu finden. So stand er ausgeruht auf, pfiff ein altes Elfenlied während er sich die Reste des Grases vom Gewand klopfte und schlenderte in dann durch lichtes Moos in Richtung des Baches. "Ahhhh.... das tut gut. So ein erfrischender Schluck kristallklares Wasser am Morgen" sagte er - allerdings mehr zu sich, denn eine Begleitung hatte er ja nicht. Das war es auch, was ihn etwas bekümmerte. Er war einfach alleine. Elfen sind ein geselliges Volk und Taulin war es überhaupt nicht gewohnt, niemanden zu haben, der eine Geschichte erzählte, ein Lied zum Besten gab oder einfach auch nur zuhörte. 

Noch einmal überlegte er kurz, wohin er denn jetzt gehen sollte. "Auf jeden Fall brauche ich Leute um mich herum, und halbweg sicher sollte es auch sein, denn das sind ja noch die Nachtalben, die bestimmt überall im Westen Cammuorias nach mir Ausschau halten. Vielleicht gehe ich zuerst eimal nach Tar' Ant. Dort leben viele Menschen und Nachts, wenn die Alben nach mir Ausschau halten, sind die grossen Toren fest geschlossen. Ausserdem halten die Wächter der königlichen Garde solches Gesindel fern." dachte sich der kleine Halb-Elf. Er füllte seinen ledernen Trinkbeutel auf, pflückte noch ein paar Beeren, die er sorgfältig in einer seiner zahlreichen Taschen verstaute und orientierte sich an der Sonne um den Weg nach Tar' Ant einzuschlagen.
 

Die Sonne stand tief und Taulin machte sich schon Gedanken darüber, wie er sich heute Nacht am besten verbergen könnte, als er auf dem Weg hinter sich das trappeln von Hufen hörte. Er dreht sich um und erspähte hinter der letzten Biegung ein Fuhrwerk, eigentlich ein besserer Karren, der von einem müde aussehenden Pferd gezogen wurde. Auf dem Stirnbrett des Karrens sass ein gemütlich aussehender Mensch, dessen rote Nase schon von weiterm leuchtete. In der braunen Kutte und dem lichten Haar sah er fast wie ehrenwerter Bruder des Tempels aus.
Wie Taulin beim näherkommen bemerkte war der Kopf des Mannes auf die Brust gesunken und schaukelte leicht im Rythmus, in dem der Karren über den unebenen Weg rumpelte. Offensichtlich war der Mann eingenickt und das Pferd kannte den Weg.

"Hoooo... halt an..." Taulin hielt das Pferd an den Zügeln fest und brachte so den Karren zum stehen. Der Mensch schreckte auf, blinzelte Taulin an. "Warum hältst Du mich an. Was soll das ? Ich habe nichts und will nur in Ruhe meines Weges ziehen - bei mir gibt's nichts zu holen" sagte der Mensch. "Ich will Dir auch nichts böses" entgegnete der Halb-Elf. "Ich bin müde vom wandern und mit einer wichtigen Botschaft vom Hochelfen Druin unterwegs nach Tar' Ant. Ob der ehrenwerte Karrenbesitzer mich vielleicht ein Stück mitnehmen könne ?" erwiederte Taulin. Das mit der wichtigen Botschaft war zwar ein wenig geschwindelt, aber sei's drum.

"Gewiss könne ich das, ich bin wie Du auf dem Weg in die Hauptstadt. Aber heute werden wir sie nicht mehr erreichen. Die Sonne steht schon tief und es ist noch fast eine Tagspanne nach Tar' Ant. Selbst für einen 'ehrenwerten Karrenbesitzer' wie mich. Es kommt darauf an, wie dringlich Deine Botschaft ist. Ich werde jedenfalls ein paar Meilen weiter die Nacht verbringen. Mein Schwager hat da ein kleines Bauernhäuschen" lachte der Mensch. 

"Das trifft sich gut.  Dann brauche ich die Nacht nicht im freien verbringen" dachte Taulin.  "Ja, ich meine mir auch eine Pause verdient zu haben. Wenn Dein Schwager nichts dagegen hat, würde ich gerne mit Dir rasten - und wenn Du es weiterhin erlaubst, auch it Dir nach Tar' Ant gehen. Zu zweit reisen ist doch angenehmer". Mit diesen Worten erklomm Taulin die Ladefläche des Karrens.

Zwei Geschichten und ein Lied weiter erreichten Sie die Bauernkate des Schwagers von Grumbold - wie der Mensch hiess. Sie wurden herzlich aufgenommen und bis tief in die Nacht noch Geschichten ausgetauscht. Am nächsten Morgen, noch in der Dämmerung, zogen die beiden schon weiter - Richtung Tar' Ant. Schon gegen Mittag sahen sie in der Ferne die schlanken, hohen Türme der Hauptstadt in denen die Zauberer ihr Refugium haben und am späten Nachmittag standen sie endlich vor den grossen Toren. Grumbold und Taulin verabschiedeten sich voneinander. Vielleicht würde man sich ja wieder einmal treffen.

Taulin stand vor den hohen eisenbeschlagenen Toren und mischte sich dann in das Gewimmel buntbekleideter Menschen, vornehm aussehender Elfen und ehrfurchtgebietender Zauberer, die die Strassen von Tar' Ant bevölkerten. Beim Wirtshaus "Zur eiligen Schnecke" dachte er sich, das wäre ein guter Platz zum einkehren. Kurz kontrollierte er seinen Bestand an Talern und trat ein in die Gaststube. 
 


 
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